Vom richtigen Zeitpunkt - reif für die Schule

Die Schulreife lässt sich nicht im Kalender verankern. Ob ein Kind schulfähig ist oder nicht, ist weniger die Frage eines Stichtages als eine Entscheidung von Eltern, Erzieherinnen, Lehrern und Schulärzten. (Deshalb gehörte bereits zur ersten Waldorfschule ein Schularzt zum Schulkollegium.)
Sie gemeinsam wägen ab, ob das Kind in motorischer, seelischer, intellektueller, sozialer und medizinischer Sicht schon reif für die Anforderungen der Schule ist. Und diese Entscheidung wird immer schwieriger, weil die Entwicklung vieler Kinder oft besonders ungleichmäßig verläuft. So sind manche Sechsjährigen heute intellektuell schon besonders wach und ihr kritisches Weltverständnis ist stark ausgeprägt, ihre soziale Reife sowie Kraft und Ausdauer für schulisches Lernen sind andererseits noch weit zurück. In dieser Situation nimmt offensichtlich die Tendenz zu, bei der Schulreifeentscheidung die intellektuelle Ausreifung über zu bewerten. Doch die Herausforderungen der Zeit an die kindlichen Lebenskräfte sind hoch, vielfach zu hoch; das spricht eher für eine spätere denn eine frühere Einschulung.

Spätestens im letzten Kindergartenjahr sollte die Erzieherin die älteren Kinder ihrer Gruppe auf die Schulfähigkeit beobachten. Regelmäßige Aufzeichnungen darüber erleichtern eventuell ihr Votum, mit einer individuellen Förderung des Kindes in bestimmten Bereichen kann sie gegebenenfalls seine Entwicklung unterstützen. Auch der Einschulungslehrer (einer Waldorfschule) sollte die zum Schuleintritt anstehenden Kinder bereits im Kindergarten kennen lernen, seine Gespräche mit den Eltern über Schulreifekriterien sind ebenfalls hilfreich, nicht zuletzt können sie dazu dienen, die Eltern von dem vermeintlichen Druck zu befreien, ihr Kind möglichst früh einschulen zu müssen.

Die folgende Auswahl von Schulreifemerkmalen ist in erster Linie als Hinweis zur Kinderbobachtung zu verstehen, in keinem Fall als ein verbindlicher Kriterienkatalog. Die wenigsten Kinder werden voll und ganz alle Merkmale zur selben Zeit und in gleicher Weise ausgebildet haben. Diese Kriterien sind gleichsam Elemente eines Urbildes, angesichts derer Eltern, Erzieher, Lehrer und Ärzte ihre Einschätzung vornehmen können.

Die körperliche Gestalt des Kindes zeigt Merkmale, die auf die Schulfähigkeit hinweisen:

Im spontanen Spiel sollte ein schulreifes Kind die meisten der folgenden Dinge tun können:

Soziale und emotionale Entwicklungsmerkmale der Schulreife
Ab dem 5. Lebensjahr:

Ab dem 6. Lebensjahr:

Zeichnen und Malen spiegeln die Entwicklungsphasen:

  1. Das Zeichnen und Malen besteht zuerst ausschließlich aus Bewegung und Prozess, es können daraus Formen und Motive entstehen, aber die Aktivität des kleinen Kindes zielt nicht darauf ab (bis etwa zum dritten Jahr).
  2. Die kindliche Fantasie entfaltet sich mehr und mehr, das Kind benennt die im Prozess sichtbar werdenden Dinge (»Oh, und hier ist ein Bär«, es sagt noch nicht: »Jetzt zeichne ich einen Bären«), die vollständige menschliche Gestalt entsteht, zunehmendes Interesse am farbigen Ausmalen (3. bis einschließlich 5. Lebensjahr).
  3. Das schulreife Kind stellt Menschen, Häuser, Bäume auf das Gras oder den Boden am unteren Bildrand, zeichnet »Zahnwechsel-Bilder« mit horizontaler Wiederholung, zum Beispiel fliegende Vögel, Reihen von Bergen, die an Zahnreihen erinnern, bringt im Zeichnen zweiseitige Symmetrien hervor, Himmel und Erde sind jetzt in den Bildern deutlich unterschieden, ein Bewusstsein von oben und unten bildet sich aus, die Diagonale, oft in der Dreiecksform des Hausdaches, erscheint in den Bildern.

Entwicklung des Willens
Das Kind hat ein starkes Bedürfnis nach kraftvoller aktiver Bewegung, sowohl im grob- wie auch im feinmotorischen Bereich, kann Aufgaben durchhalten und wiederholend üben, zeigt deutlich längere Aufmerksamkeitsphasen als noch im Alter von vier oder fünf Jahren, spielt geplanter, zielgerichteter und über einen längeren Zeitraum (»da will ich morgen weiter spielen«), macht nicht mehr einfach nur mit, sondern ist bestrebt nachzueifern, an Vorbildern zu lernen, macht gerne Besorgungen.

Inneres Empfinden
Das Kind zeigt Anzeichen, die eigenen Gefühle in den Griff zu bekommen, wickelt gerne Geschenke für andere ein, liebt Humor, Limericks, Wortspiele, benutzt alberne und auch unanständige Wörter, erlebt mehr und mehr die Möglichkeiten und auch die Macht der Sprache, nimmt bewusst Rhythmus wahr, erzählt gerne von seinen Träumen, flüstert gerne und hat Geheimnisse.

Entwicklung des Denkens
Das schulreife Kind hat begonnen, einfaches kausales Denken zu entwickeln, meist in Verbindung mit konkreten Situationen (»Wenn«, »weil«, »deshalb«, z. B. »Wenn ich diese Schnüre zusammenbinde, werden sie diese Spielregale erreichen.«), spricht klar und fließend, wenn es entspannt ist, und kann seine Gedanken leicht und vollständig ausdrücken, hat Freude am Planen und Ränke schmieden, wird sich seines Gedächtnisses bewusst, kann, wenn es will oder gebeten wird, Geschichten und Lieder genau wiedergeben, kann sich über zehn bis fünfzehn Minuten auf eine selbst gewählte Aufgabe konzentrieren, kann sich Dinge innerlich vorstellen und sie beschreiben, beginnt, echte Fragen zu stellen (nicht nur die typischen andauernden »Warum-Fragen« des kleineren Kindes).

Vom Bund der Freien Waldorfschulen